THEMA Professor Fischbach: Ist die Gentechnik Ursache der gegenwärtigen Situation des Menschen auf diesem Planeten oder ist sie eher eine Hilfe zur Verbesserung derselben?

 

Gudrun Seidl antwortete am 28.10.99 (17:37): 

Herr Professor Fischbach, Herr Haar - lassen Sie mich auch hier einen Bericht einstellen, den ich bei Professor Sippel soeben einstellte:

Deutschland muss sich - ob gut oder schlecht, sei dahingestellt, bekanntlich hat jedes Blatt 2 Seiten - verantwortungsvoll der Schöpfung gegenüber mit diesem Thema auseinandersetzen, Forschung betreiben. Wir Deutschen neigen leider (kriegstraumatisiert) dazu, zu eng, zu national zu denken. Was haben wir davon, wenn unsere Bio- und Gentechnologen ins Ausland abwandern (müssen)? Wir sind doch nicht alleine auf der Welt. Wichtig ist es, unsere Ethik, unser Gedankengut in diesem Bereich mit einfliessen zu lassen. 

Ich hatte das Glück, eine kleine Zeit Herrn Professor Gareis, ehemaliges Vorstandsmitglied der Hoechst AG für den Bereich Gentechnik zu erleben. Wir diskutierten bereits 1985 über dieses Thema. Professor Gareis gehörte der Benda-Kommission an. Damals ging es u.a. um die juristische wie auch ehtische Frage "Darf der Mensch was er kann und kann er das, was er darf?"

Wir müssen sehen, dass weltweit eine Regelung gefunden wird und selbst das wird nicht gelingen. Zu verschieden sind Menschen und Nationen, ganz abgesehen von den Glaubensrichtungen. Wir müssen es abstrakt und auch aus der Ferne sehen, sine ira et studio.

Der richtige Weg für den Mitgliedstaat Deutschland in der EU wäre sicher, sich mit dem, was die EU-Kommission zu diesem Thema mitteilt und vorschlägt, auseinanderzusetzen. Wie kann es z.B. sein, dass in Deutschland bestimmte Forschungsbereiche durch die Politik blockiert werden, sie dann im benachbarten EU-Staat installieren und ihre Forschung dort ausüben dürfen? Daran würde ich hier gerne mit Ihnen ebenfalls arbeiten. 

Ebenso darf man nicht aus dem Auge verlieren, dass immer mehr deutsche Forscher in die Vereinigten Staaten abwandern. Man denke nur an Wernher von Braun und die Raketenforschung. Was ist Deutschland da noch geblieben? Nach US-amerikanischem Recht müssen Patente, die in den USA erworben wurden, dort auch bleiben.  Nachdenklich Gudrun Seidl


K.-F. Fischbach antwortete am 30.10.99 (12:00): 

Sehr geehrte Frau Seidl,
ich teile Ihre Sorge. Tatsächlich ist der "brain drain" in Richtung USA innerhalb der Biotechnologie noch nicht gestoppt worden, obwohl sich in Deutschland die Rahmenbedingungen langsam verbessern. Leider haben hier in Deutschland lange Zeit fundamentalistische Bedenken den Blick auf die Chancen der Biotechnologie verschleiert - und deshalb muss ich noch einmal auf Herrn Haar und seinen Hinweis auf Äusserungen von Jonas zurückkommen. Jonas sagt - und dies wird von Herrn Haar als angeblicher Unterschied zur klassischen Züchtung angeführt -, dass der Mensch in der Gentechnik neue Lebewesen schaffe, die sich sozusagen ihrem Schöpfer gegenüber selbständig machen, er könne sie nicht mehr nach Belieben ein- und ausschalten. Diese Lebewesen gewönnen selbständig Kraft und der Mensch begebe sich damit seiner Alleinursächlichkeit.

Welche philosophische Ignoranz und Arroganz! Der Mensch war nie allein ursächlich in der Biosphäre. Die Verselbständigung gentechnisch veränderter Organismen ist zudem im Vergleich zu den Produkten klassischer Züchtungen besser kontrollierbar, da die genetischen Veränderungen definiert sind und keineswegs unbekannt und undefiniert wie bei dem Durchmischen ganzer Genome durch Kreuzungen.

Noch ein Wort zur angeblichen Neuigkeit der Überwindung von Artgrenzen durch die Gentechnik. In der Natur gelten keine Dogmen und dementsprechend wird dieses Prinzip fleissig von Bakterien (z.B. Agrobacter tumefaciens) und Viren angewendet. Da haben sich doch sogar in grauer Vorzeit die Vorläufer unserer Mitochondrien in eukaryontische Zellen eingenistet und eingerichtet. Hätten sie eigentlich nicht gedurft.
Mit freundlichen Grüßen Karl-Friedrich Fischbach