Allianz-Vorstandsmitglied Eichelmann: Gleicher Informationsstand für Assekuranz und Kunden / Gegen gesetzliches Verbot 

Versicherungsbranche will Gentest-Pflicht nicht ausschließen - von Herbert Fromme 

Hamburg. Die deutsche Versicherungswirtschaft verlangt weiterhin keine Gentests beim Abschluß von privaten Kranken- und Lebensversicherungen. Sie will aber "nicht in alle Ewigkeit" darauf verzichten. 

Schon heute müßten Antragsteller die Ergebnisse mitteilen, wenn sie sich einem Gentest unterzogen hätten, sagte Jürgen Eichelmann, Mitglied des Vorstands der Allianz Lebensversicherung AG aus Stuttgart. Eichelmann sprach bei einer Presseveranstaltung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Hamburg. 

Mit Gentests können Anlagen für bestimmte Krankheiten frühzeitig festgestellt werden, etwa für Chorea Huntington oder Morbus Alzheimer. Damit steht aber nicht fest, ob die Krankheit auch eintritt. "Bisher ist die Aussagekraft von Gentests für die Risikoprüfung der Kranken- und Lebensversicherer fast ohne Bedeutung", sagte Eichelmann. Der Versicherungsvorstand äußerte sich kritisch zur Bonner Koalitionsvereinbarung. Darin ist der Schutz der Bürger vor genetischer Diskriminierung in der Lebens- und Krankenversicherung vereinbart worden. Eichelmann: "Gerade bei der Genforschung ist nicht vorhersehbar, welche Entwicklung sie nehmen wird. Deshalb sollte der Gesetzgeber keine übereilten Entscheidungen treffen." Sybille Sahmer, stellvertretende Direktorin des Verbandes der privaten Krankenversicherung, ging noch weiter: "Es gibt zur Zeit auf Grundlage eines Gentests keine individuelle Risikovorhersage." Dieser Aussage wollte sich Eichelmann nicht anschließen. 

Ein Gesetz wie in Österreich, das die Nutzung von Gentest-Informationen bei Versicherungsabschlüssen ausdrücklich verbietet, lehnten die deutschen Versicherungen ab, sagte Eichelmann. "Dann würden natürlich Menschen, die durch Gentests von ihrer möglichen Erkrankung wissen, hohe Lebensversicherungen abschließen." Für andere Kunden werde die Versicherung dann zu teuer und sei nicht mehr attraktiv, langfristig würde die Lebensversicherung degenerieren. Die Versicherungen müßten den gleichen Informationsstand wie die Antragsteller haben. Eichelmann sagte, "daß die Spielregeln in Österreich nicht so bleiben werden wie sie sind". Die Genforschung mache große Fortschritte. Wenn die Ergebnisse von Gentests aussagekräftiger würden und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung wachse, verlangten die Versicherungen möglicherweise auch Gentests bei der Risikoprüfung - ähnlich wie beim HIV-Test, der heute bei Lebensversicherungen über hohe Summen verlangt werde. 


 

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.

 

GDV vom 14.04.2000 (PD 10/2000) Zur Klarstellung: deutsche Versicherer denken nicht an Zwangsgentests beim Abschluss von Versicherungsverträgen  Zu Meldungen der Tagespresse, die privaten Lebens- und Krankenversicherungen würden verpflichtende Gentests zur Beitragsberechnung nicht mehr ausschließen, erklärt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft: Die Position der Versicherungswirtschaft zum Umgang mit Gentests beim Abschluss von Versicherungsverträgen hat sich auch durch die Meldung über die angeblich in naher Zukunft bevorstehende Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes durch amerikanische Forscher nicht geändert. Die deutschen Versicherer verlangen keine Gentests für den Abschluss eines Versicherungsvertrages und sehen auch keinen Anlass, dies in Zukunft zu tun. Sie werden weiterhin mit größtem Verantwortungsbewusstsein die Debatte über die Folgen der Gentechnik begleiten.